Können depressive Menschen lieben?

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Depressive Menschen lieben etwas anders

Depressionen stellen nicht nur den darunter leidenden Menschen vor Herausforderungen, sondern auch sein soziales Umfeld. Führst du eine Beziehung mit einem depressiven Menschen, werden dir wahrscheinlich einige Dinge auffallen.

Möglicherweise fühlst du dich zu manchen Zeiten während eines Erkrankungsschubs des Partners/der Partnerin wenig geliebt und kaum beachtet, weil dein Gegenüber sehr mit sich selbst beschäftigt, passiv und antriebslos erscheint.

Unter Umständen empfindest du das Verhalten des anderen als sehr rätselhaft, weil er/sie nicht angemessen und wie gewohnt auf dich sowie deine aktiven Impulse in eurem Verhältnis zueinander reagiert. Zu anderen Zeiten kann dir dein Liebster/deine Liebste dagegen ausgesprochen anhänglich erscheinen und sehr intensiv Liebe geben.

Nicht jeder depressive Mensch verhält sich gleich.Zudem gibt es  geschlechterspezifische sowie individuelle Unterschiede im Ausdruck der Erkrankung. Um deinen mit inneren Dämonen kämpfenden Herzensmenschen besser zu verstehen, lohnt es sich für dich, das Thema Depression etwas genauer anzuschauen.

Eines nämlich ist sicher: Auch depressive Menschen sind zu tiefen Liebesempfindungen fähig, liebenswert und verdienen Liebesglück wie alle anderen Menschen.

Dein Partner ist depressiv – was heißt das?

Als Depressiver leidet dein Liebster/deine Liebste unter einer psychischen Störung, die mit Antriebslosigkeit, tiefer Niedergeschlagenheit, teilweise aber auch mit Wut und aggressivem Abwehrverhalten einhergehen kann.

Allen Formen der Depression ist gemeinsam, dass du sie bei deinem/deiner Liebsten nicht wegreden und auch nicht wegtrösten kannst. Auch deine Aufforderung, er/sie möge sich einfach einmal zusammenreißen, bringt nichts.

Jede noch so innige Liebeserklärung sowie jeder Liebesbrief von deiner Seite werden zwar auch einen depressiven Menschen erreichen und können ihm Kraft geben, an der Erkrankung selbst können solche Maßnahmen aber nichts ändern.

Ursächlich für die Ausbildung der Symptome sind vorhergehende schwere psychische Belastungen, genetische Ursachen oder auch Störungen bestimmter Botenstoffe im Gehirn. Vielfach entwickelt sich die Krankheit aus einer Kombination verschiedener Faktoren. In aller Regel müssen Depressionen ärztlich/psychotherapeutisch behandelt werden und bessern sich nicht von selbst. Manche treibt die Erkrankung sogar in den Suizid.

Depressive Partnerin

Schattenliebe – wie Depressive die Welt und die Liebe sehen

Für dich als gesunden Menschen kann es schwierig sein, die Welt deines kranken Herzensmenschen zu verstehen. Stell dir einmal vor, du wachst eines Tages auf und alles erscheint dir plötzlich hoffnungslos und dunkel. Da mag draußen die Sonne scheinen, du kommst gar nicht richtig aus dem Bett und in die Gänge.

Es ist, als ruhen schwere Lasten auf deinen Schultern; dein Antrieb ist einfach weg. Obwohl du sehr erschöpft bist, schläfst du schlecht, grübelst viel und verlierst dich in negativen Gedankenschleifen, die sich meist immer wieder um dieselben Themen drehen. In dir empfindest du nichts als Leere und verlierst zudem das Gefühl für dich selbst.

Dir fehlt es so sehr an Selbstliebe in diesem Zustand: manchmal bist du wütend auf dich selbst, weil du vermeintlich so schwach bist. Zuweilen lässt du diese Wut auf dich selbst auch an deinem/deiner Liebsten aus, was dazu führen kann, dass du dich daraufhin erneut über dich selbst ärgerst.

Du lebst und liebst im Schatten. Manchmal weinst du grundlos. Impulse deines Gegenübers erreichen dich im Inneren nicht mehr, dabei willst du aber weiterhin für deinen/deine Geliebte(n) da sein und wirst deine letzte Energie daransetzen.

Dir ist vielleicht nicht immer nach Sex und du vernachlässigst dich und dein Äußeres, weil du keine Kraft hast. Nicht selten nehmen Menschen, die in eine depressive Episode rutschen, einige Kilo zu. Nicht immer erkennt der/die andere, dass du ihm/ihr gegenüber alles andere als lieblos bist, weil alles, was von dir kommt, so gedämpft und energielos erscheint.

Öffne dich deinem Partner

Oft versuchst du auch deinen Zustand vor anderen zu verbergen, was dich dann noch mechanischer und rätselhafter auf deine Umwelt wirken lässt. Unter Umständen wirst du sehr anhänglich und versuchst, dich ständig der Existenz deines Gegenübers zu versichern, um dich abzulenken.

Auf neue Liebschaften lässt du dich nur zögerlich ein, weil du deiner selbst unsicher erst wieder lernen musst, wie Zuneigung und Liebesgefühle funktionieren. Du bist insgesamt stärker auf die Geduld anderer Menschen angewiesen als Gesunde.

 

Und, wie fühlt es sich an, sich einmal intensiv in die Lage deines Herzensmenschen zu versetzen? Der Alltag in der Depression ist geprägt von ständiger Sorge gepaart mit Energielosigkeit. Sobald du verstehst, was in deinem Partner/deiner Partnerin vorgeht, wirst du einfacher erkennen können, was gerade passiert und kannst dementsprechend darauf reagieren.

Depressiver Partner

Miteinander leben – trotz Erkrankung

Dein Liebster/deine Liebste schätzt ein schönes Liebesleben sehr hoch ein, auch wenn er/sie an einer Depression leidet. Er/sie kann es aber gerade während einer akuten Episode nicht immer so zeigen, wie du das gewohnt bist oder erwartest. Das kann gerade auch zu Beginn eines liebevollen Kontakts verwirrend und belastend sein, weil alles sehr lange zu dauern scheint.

Es kann sein, dass deine Zuneigung den entscheidenden Unterschied ausmacht, um wieder neue Kraft und Motivation beim anderen zu entwickeln. Wenn deine Gefühle also authentisch sind, gibt es keinen Grund, deinen depressiven Lieblingsmenschen zu verlassen oder deinerseits mit Rückzugsverhalten zu reagieren.

Allerdings solltest du dir einige Dinge klarmachen:

  • Du allein kannst die Erkrankung nicht heilen.
  • Du solltest keine „Rettermentalität“ entwickeln.
  • Achte auf mögliches Suchtverhalten, das mit Depressionen einhergehen kann. Hier braucht dein Gegenüber ebenfalls unbedingt professionelle Hilfe.
  • Sorge immer auch für dich selbst, damit du nicht deinerseits zu sehr darunter leidest, wenn sich der/die andere krankheitsbedingt zurückzieht.
  • Du bist nicht schuld an seinem/ihrem Verhalten.
  • Zögere nicht, dir selbst professionelle Unterstützung zu suchen, wenn du dich überfordert fühlst.

Was besonders einzigartig sein kann

Depressive Menschen lernen oft im Laufe ihrer Erkrankung, das Leben sehr intensiv zu leben und deshalb lieben sie ebenfalls entsprechend tief. Eine Liebeserklärung von ihrer Seite wird nicht nur besonders ehrlich gemeint sein, sondern dich meist sehr genau und achtsam beschreiben. Du wirst wahrgenommen und besonders geschätzt.

Deine geliebte Person wird als Depressiver außerdem wertschätzen, dass du an ihrer Seite bist und daraus Kraft schöpfen können. Du wirst erleben, einen Menschen mit allen Stärken und Schwächen kennenzulernen. Ihr seid beide besonders liebenswert füreinander, weil ihr euch so gut kennenlernt.

Gerade die Tatsache, dass ein Mensch mit Depressionen mehr Zeit und Kraft braucht, um die bunten Farben der Welt zu sehen, macht viele Erlebnisse mit ihm besonders intensiv.

Wenn dein Liebster/deine Liebste gelernt hat, offen mit der Erkrankung umzugehen, wirst du von einem sehr authentischen Kontakt und besonders tiefen Gefühlen lernen können. Ein Liebesbrief von seiner/ihrer Seite wird dir immer zeigen, wie wichtig du ihm/ihr bist.

Er/sie wird dir nichts vormachen oder vorspielen sowie Verständnis für deine Schwächen und Problem aufbringen. Insoweit kann sich die vermeintliche Schattenliebe auch zu einer besonders harmonischen Beziehung entwickeln.

Depressiv sein heißt mitnichten liebesunfähig zu sein. Ganz im Gegenteil, das Liebesglück nimmt hier einen besonderen Platz ein.

Depression überwinden

Mutig sein und achtsam bleiben

Wenn ein Partner an einer Depression leidet, fordert das beide Beteiligte. Ihr braucht vielleicht etwas mehr Mut und Verständnis füreinander als andere Paare. Dennoch kann es sich wirklich lohnen. Denn ist es nicht gerade der Kern der Liebe, sich auch in schlechten Zeiten lieben zu können?

Für den Depressiven ist ein akuter Erkrankungsschub eine besonders schlechte Zeit. Hier darf der andere seinem kranken Herzensmenschen eine Stütze sein. Der wird es ihr/ihm danken, wenn er sich aus der dunklen Umklammerung lösen kann. Beide können mit einem besonders tiefen Verständnis füreinander rechnen.

Wichtig ist, dass ihr beide aufmerksam mit den Bedürfnissen des anderen umgeht und diese erkennt. Eine funktionierende Beziehung beruht auf dem Verständnis beider Partner und der Zeit, die beide in dieses Bündnis investieren wollen. Lebt ihr also beide mit Achtsamkeit eure Partnerschaft, kann sie auch mit der Depression besonders liebenswert sein.

 

Lies gern auch unseren Artikel „Was, wenn Depression die Beziehung belastet? – Gehen oder bleiben?“-> Anmerkung dazu: Einen entsprechenden Artikel würde ich schreiben.

Können depressive Menschen lieben?
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