Nähe und Distanz | Was macht eine gesunde Beziehung aus?

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Hast du schon einmal darüber nachgedacht, was das Geheimnis vieler glücklicher Beziehungen ist? Meist schaffen es die Partner, ein besonderes Gleichgewicht darin herzustellen, sich nahe zu sein, aber sich auch Raum für Eigenständigkeit zu lassen und das jeweils individuelle Distanz- und Nähebedürfnis zu respektieren.

Dabei wechseln sie auch bewusst die jeweilig eingenommenen Plätze und Rollen in ihrem Bezug zueinander, was der Dynamik in der Paarbeziehung mehr als guttut. Wir stellen dir im Folgenden weitere Aspekte zum Thema vor und zeigen dir, warum Nähe so wichtig für das Liebesglück ist, aber auch Distanz gleichermaßen einen Platz haben sollte.

Sie möchte ihren Partner nicht einschränken

Nähe und Distanz in deiner Beziehung – die Balance macht es!

Zwei Säulen der Liebe

In Liebesbeziehungen spielen viele Faktoren und innere Bedürfnisse eine Rolle. Du möchtest dich sicher und geborgen fühlen, begehrt, beachtet und so angenommen werden, wie du bist. Gleichermaßen möchtest du dein Gegenüber begehren, dich erotisch angezogen fühlen, öfter einmal überrascht werden und immer neue Facetten des Partners/der Partnerin kennenlernen.

Viele Forderungen, die wir an Paarbeziehungen stellen, widersprechen sich. So entsteht das Gefühl des Angekommenseins durch Gewohnheit, Nähe und sichere Routine im Umgang miteinander.

Dagegen verlangt erotische Anziehung immer wieder nach einem unbekannten und neuen Element auch bei einem längerfristigen Zusammensein. Nur, wenn es euch also gelingt, Harmonie zwischen Nähebedürfnissen und einer gewissen bleibenden Eigenständigkeit zwischen euch beiden herzustellen, wird auch die erotische Spannung möglichst lange erhalten bleiben.

Und diese ist für dauerhaftes Glück in der Partnerschaft als Erfolgsfaktor nicht zu unterschätzen.

Die Paardynamik und ihre Bedeutung

Menschen unterscheiden sich vielfach sehr stark in ihrem Nähebedürfnis. Vielleicht benötigst du beispielweise grundsätzlich mehr positives Feedback und mehr Bestätigung als dein/deine Liebste(r), der/die mehr auf Autarkie bedacht ist und scheinbar sehr selbstbewusst in eurem Verhältnis zueinander agiert.

Oft wechseln die Bedürfnisse des Einzelnen abhängig von verschiedenen Lebenssituationen und aktuellen Befindlichkeiten. Es ist dabei ein interessantes Phänomen, dass die meisten Paare in dieser Hinsicht eine eigene Dynamik entwickeln, bei der die Beteiligten ein konträres Verhalten zum jeweils anderen zeigen.

Wenn du gerade ein großes Nähebedürfnis hast und in der Partnerschaft angriffslustig auf vermehrte Beachtung drängst, zieht sich dein(e) Liebste(r) eher zurück und umgekehrt. Psychologisch gesehen stehen hinter ausgeprägt gezeigtem Bindungsverhalten auf der einen Seite und Vermeidungstaktiken auf der anderen Seite zwei sich sehr ähnliche Ängste: Bindungs- und Verlustangst.

Beiden Ängsten zugrunde liegt dabei ein geschwächtes Selbstwertgefühl, das grundsätzlicher Art sein kann oder auch nur in einer speziellen Situation zeitweilig auftritt. Verantwortlich für ein schwaches Selbstwertgefühl sind meist vorhergegangene Verletzungen des Selbstwerts und unter Umständen auch grundsätzliche Verhaltenstendenzen wie eher ängstliches Verhalten (Klammertendenz) und abwehrendes Verhalten (Vermeidungstendenz).

Aus den verschiedenen Verhaltenstendenzen heraus habt ihr als Individuen unterschiedliche Muster entwickelt, mit Druck und Stress von innen sowie außen umzugehen. Einer von euch möchte in Stresssituationen verstärkt die Bestätigung des anderen und greift an, der andere möchte den Stress mit sich allein ausmachen, fühlt sich schnell überfordert, wenn der andere ihm jetzt auch noch scheinbar zu nahekommt. Folglich flüchtet er.

Oft wechselt ihr die Rollen dabei ständig unbewusst, was andauernd Angriffs- und Fluchtaktivitäten aktiviert. Das tut eurer Beziehung unreflektiert nicht gut. Nehmt euch also die Zeit, diese Dynamik bewusst wahrzunehmen.

Einen Schritt zurücktreten und das Ganze neu betrachten

Wenn sich Liebende die unterschiedlichen Stressbewältigungsstrategien und jeweiligen eigenen Tendenzen im Bindungsverhalten nicht bewusst machen, entwickelt sich an dieser Stelle häufig ein anhaltender Konflikt, der nicht selten irgendwann auch zu einer Trennung mit der Maßgabe führt, dass man einfach nicht zusammenpasse.

Wenn ihr genau hinschaut, passt ihr sogar sehr gut zusammen, weil ihr euch jeweils in eurem Bindungsverhalten spiegelt. Genau das ist die Voraussetzung dafür, dem anderen mit größtem Verständnis zu begegnen und euch entgegenzukommen. So könnt ihr am Ende echte Nähe zueinander aufbauen.

Euer Partner/eure Partnerin kann nämlich die innere Befindlichkeit hinter dem jeweiligen Verhalten besonders gut nachempfinden – vor allem von der emotionalen Seite, die sich sogar somatisch, also körperlich ausdrücken kann.

Damit ihr aufeinander zugehen könnt, hilft es aber tatsächlich eine gewisse Distanz aufbauen. Ihr müsst dabei von einem automatisierten Flucht- oder Angriffsverhalten wegkommen und das Ganze einmal ohne aktivierte Emotion aus der Vogelperspektive betrachten. Dann könnte ihr beginnen, Nähe und Distanz zwischen euch neu zu verhandeln.

Bewusst Agieren statt nur zu Reagieren

Euer unterschiedliches Bindungs- und Stressverhalten wird immer dann einen Konflikt zwischen euch hervorrufen, wenn ihr automatisiert in euren Rollen verharrt und danach handelt. Habt ihr die dahinterstehenden Mechanismen dagegen erkannt, könnt ihr euch auch gut in die Situation des anderen hineinversetzen und starre, automatisierte Angriffs- und Fluchtabläufe bewusst durch kompromissweises Annähern an den anderen ersetzen.

Versucht dabei den hochemotionalen Anteil aus dem Ganzen herauszunehmen und macht euch daran, die Bedürfnisse des anderen in einem gewissen Grad zu befriedigen, ohne euch selbst zu verlieren. Ihr werdet in eurem Verhalten zueinander beweglicher und in eurem Handeln weniger rigoros.

Es stehen immer viel mehr Möglichkeiten als Flucht oder Angriff zur Verfügung. Das könnt ihr aber nur erkennen, wenn ihr euch von dem „Tunnelblick“ eines in spezifischen Situationen schon fast ritualisierten Verhaltensmusters löst.

Die perfekte Balance zwischen Nähe und Distanz

Ohne Kommunikation geht nichts

Wenn ihr als Paar eine Balance zwischen Nähe und Distanz erreichen möchtet, geht es um vier wesentliche Voraussetzungen:

  1. Ihr nehmt euch den räumlichen und zeitlichen Abstand, um euer jeweils aktiviertes Bindungsverhalten zu erkennen und zu analysieren.
  2. Ihr sprecht miteinander über das, was euch umtreibt, wenn es um Nähe und Abstand geht.
  3. Eure Liebe zueinander ist stark genug, um dem anderen entgegenzukommen, und ihr entwickelt ein bewussteres Handeln im Umgang mit Stress – von innen sowie außen. Dabei verlasst ihr bekannte Verhaltensmuster und entwickelt neue, weniger starre und weniger automatisch geprägte Bewältigungsstrategien.
  4. Ihr könnt miteinander offen über das Thema Nähe und Distanz verhandeln.

Wenn ihr euch wirklich nahe sein wollt, lohnt es sich, an dem Thema intensiv zu arbeiten. Lasst euch nicht frustrieren, wenn es am Anfang schwierig ist. Ihr trefft hier auf Verhaltensmuster, die teilweise bis in die Zeit eurer Kindheit zurückgehen. Diese lassen sich nicht von einem Tag auf den anderen ändern.

Seht das alles als spannende Reise zu zweit, bei der ihr auch noch viel über euch selbst erfahren und euer Leben einfacher machen könnt. Denn wer möchte sein ganzes Leben lang Sklave von Gefühlen und Mustern bleiben, die schon lange überholt sind? Solange euch diese beherrschen, könnt ihr euch nicht wirklich nahekommen.

Gebt euch als Paar die Möglichkeit, einen Schritt raus aus der Routine und den gefestigten Ritualen zu machen und zu analysieren, wie viel Nähe und Distanz euch in der Beziehung wirklich guttut.

Nähe und Distanz | Was macht eine gesunde Beziehung aus?
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